Man stirbt nicht, wenn man in den Herzen der Menschen weiterlebt, die man verläßt

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1977 wurde ich geboren. Im kalten Februar. Meinen Erzeuger habe ich nie kennengelernt, nach späteren Aussagen meiner Mutter verstarb er während ihrer Schwangerschaft. Dennoch heiratete sie früh nach meiner Geburt. Hans, mittlerweile auch schon ein paar Jahre tot, war nicht mein Vater. Seine Mutter – meine „Oma“ – wurde zu allem, was ich heute rückblickend als grundsätzlich positiv in meinem Leben bezeichnen würde.

Meine Mutter und Hans trennten sich nach nicht langer Zeit, zu meiner Mutter hatte ich nie einen wirklichen Draht. Ich blieb bei meiner Oma Else – und zu der Zeit interessierte das irgendwie keinen. Sie war nicht meine richtige Oma und dennoch verbrachte ich meine ersten Lebensjahre mit wenigen Ausnahmen dort. Oma versorgte uns beide von ihrer kleinen Rente und so verbrachte ich meine ersten Jahre in dieser kleinen Wohnung in der Braunschweigerstraße direkt am Nordmarkt in Dortmund Nord.

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Ich besuchte den Kindergarten ein paar Meter weiter und wurde auch an der Nordmarktgrundschule eingeschult. Wir waren nicht reich – aber auch nicht arm, wir lebten in einem sozialen Brennpunkt, der damals noch nicht einmal halb so schlimm war, wie es heute ist. Und dennoch hatte ich alles. Ich hatte mein Dortmund Nord, meine Freunde und vor allem hatte ich meine Oma Else, die alles für mich tat, die immer für mich da war. Jeder wird wohl sagen, dass „seine“ Oma die beste Oma war oder ist – und ich mache da keinen Unterschied. Meine Oma Else war die beste Oma, die mich nebenbei auch noch großzog.

Damals lernte ich, was Dankbarkeit bedeutet. Was es bedeutet, sich über die kleinen Dinge des Lebens zu freuen. Schon mal als kleines Kind den warmen Vanillepudding mit Erdbeeren am offenen Fenster gesehen? Das waren gute Zeiten. Als ich sechs Jahre alt war, war meine Mutter der Meinung dass ich wieder bei ihr wohnen könnte. Und irgendwie tat ich das auch – zumindest auf dem Papier. Ob es Probleme mit dem Amt gab, oder mit dem Kindergeld – ich weiss es nicht. Ich kam in ein neues Zuhause, welches keines war. Wo ich mich schon als kleiner Junge wie ein Fremdkörper fühlte in dieser Mixtur aus Suff, Männerbekanntschaften und Armut.

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Auch als kleiner Mensch weiss man schnell, wo die Liebe wohnt. Sie wohnte nicht bei meiner Mutter, sondern in der kleinen Wohnung in der Braunschweigerstraße direkt am Nordmarkt in Dortmund Nord. Dort, wo wir zwei Mal in der Woche über den Wochenmarkt schlenderten. Dort, wo wir am Abend unseren „Häuserblock“ machten – sprich, noch eine Runde spazieren gingen. Dort, wo wir gemeinsam Dalli Dalli, Verstehen sie Spaß, Montagsmaler, Der große Preis und sonstiges schauten. Dort, wo ich die wirklich guten Seiten „beigebracht“ bekam – zumindest würde ich das aus meiner Warte sagen.

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Oma tat alles für mich, was in ihrer Macht stand. Durch die Tatsache, dass die Wohnung meiner Mutter tatsächlich nur 10 Minuten zu Fuß entfernt war, war ich wirklich immer nur bei meine Oma. Es war eine schöne Zeit, an die ich noch heute sehr oft denke.

Anfang 1990 zogen wir in den Norden. Weltuntergang. Raus aus der Schule, weg von den Freunden – weg von meiner Oma. Worst days of my life und der Anfang eines Teenage Arschlochs, wie es im Buche steht. Fehlender Halt zu meinen Wurzeln trieben mich in die Arme falscher Freunde, ließen mich falsche Entscheidungen treffen – und letzten Endes schwamm ich alleine in einem Meer aus allem, was ich nicht wollte.

Schon damals bin ich in den Ferien immer zu meiner Oma in meine Dortmund gefahren. Dort, wo man noch was wert war. Wo man vermisst und geliebt wurde. Es ist eine Sehnsucht, die ich teilweise heute noch nicht verwunden habe – noch heute kommt der Heimat-Rappel gelegentlich.

1997 starb meine Oma Else mit 90 Jahren. Noch heute ist sie für mich Inbegriff des guten Menschen. Meine Oma hatte mich großgezogen und mir viel Gutes mit auf den Weg gegeben. Sie hat einem kleinen Menschen Dinge beigebracht, die für mich noch heute nützlich sind – nämlich das „Mensch sein“.

Liebe Oma – es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Ich höre nicht auf, dich zu vermissen. Danke für alles und Danke dafür, dass du mir offenbar auch im Himmel auf deiner Wolke die Daumen drückst, damit hier alles glatt läuft bei mir. Alles Gute geb ich weiter, versprochen!

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23 Kommentare

  1. Hi Cashy. Ich folge dir schon viele Monde. Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut. Dieser Text allerdings toppt so ziemlich alles. Etwas solch persönliches wie die eigene Kindheit zu beschreiben ist sicher nicht ganz einfach. Wie du aber deine Oma beschrieben hast, ist geprägt von ganz großem Gefühl, Dankbarkeit und Liebe. Danke dafür.

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  2. Oma ist und bleibt Oma, vollkommen schnuppe, ob auf dem Papier korrekt oder nicht.
    Es ist schön und wichtig, dass man sich an diesen Menschen erinnert und schön, dass du diese Erinnerung mit uns teilst.

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  3. Sehr schöner Text, Familie braucht manchmal eben doch keine Blutsbindung. Dein Text hier beweist das deutlich. Wirklich schön geschrieben.

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  4. Morgen jährt sich wieder einmal der Todestag meiner Mama, vielleicht ist es mit ein Grund dafür, wieso mir beim Lesen Deines Textes die Pisse in den Augen steht.
    Deine Oma ist – egal, wo sie sich auch gerade befinden mag – mit Sicherheit unfassbar stolz auf diesen großartigen Menschen, Ehemann, Vater, Freund, den sie aus Dir gemacht hat.
    Aber stell Dein Licht nicht unter den Scheffel: Man kann eine tolle, liebevolle Erziehung genießen und trotzdem zum Vollarsch mutieren. Wenn Du heute also der Mann bist, den ich mit viel Stolz einen meiner besten Freunde nennen darf, dann auch deswegen, weil Du selbst einfach ein guter Typ bist!
    Dickes Dankeschön für diesen Text und den Einblick in Deine Seele.

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  5. Lieber Caschy!

    Vielen Dank für diesen schönen Text. Danke, dass du uns dabei einen Einblick in deine Emotionen und natürlich in deine Vergangenheit gewährst.

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  6. Dass Du gerade jetzt, wo mein Papa im Sterben liegt und fast die ganze Strecke schon gegangen ist, so etwas Schönes über Kindheit, Bindung, Liebe und Geborgenheit schreibst, berührt mich zutiefst. Sag Deine Oma Else bitte, sie soll eine Wolke freihalten – es kommt bald jemand, der eine gute Seele brauchen kann, die ihn an die Hand nimmt und ihm zeigt, wie der Hase da oben so läuft. <3

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  7. Danke für diese offenen Worte, die in dieser Dichte heute leider selten geworden sind.
    Viel Erfolg weiterhin damit.
    Gruß aus Heidelberg
    Holger

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  8. Vor einer Woche habe ich meinen Schwiegervater beerdigen müssen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich ihn in seinen letzten Tagen bei uns zuhause in seinem Zimmer mit Blick auf seinen Garten begleiten durfte. Nur das Sterben, das wollte er ganz alleine machen. Er schlief in den 15 Minuten ein, in denen niemand bei ihm war. So war er. Bis zum Schluss selbstbestimmt, sogar in diesem Körper, der nur noch ein Totalschaden war und ihm nicht mehr gehorchte.
    Nun lese ich Deine Worte, und nun ist es da, nach all den geschäftigen Tagen, in denen es so viel zu organisieren gab: Das große Gefühl des Verlustes. Aber auch unendliche Dankbarkeit. Kurti war für mein Leben in den letzten 12 Jahren, in denen er mit uns gelebt hat, soviel wichtiger und präsenter, als mein Vater es je in meinem ganzen Leben sein konnte. Er hat mir vorgelebt, dass man das Beste aus allem machen kann. Dass man nicht jeden Mist mitmachen muss. Dass man sich immer entscheiden kann, dass man es aber auch überlebt, wenn man einfach mal Geduld hat und etwas aushält. Dass man nicht jedermanns Freund sein muss, aber zu allen freundlich sein kann, ohne dass man sich einen Zacken aus der Krone bricht. Dass die unangenehmen Aufgaben im Leben gar nicht mehr so unangenehm sind, wenn man sie einfach anpackt. Und wie schön es dann ist danach in der Sonne im Garten zu sitzen, bei einem Kaffee und einer Zigarette, und mit dem guten Gefühl Feierabend zu machen, dass man etwas geschafft hat.
    Danke, Caschi, für diesen sehr persönlichen Artikel. Menschen wie Else und Kurti werden unsere Wege immer begleiten, denn im Herzen nehmen wir sie immer mit.

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  9. Ich mag deinen Blog und ich mag wie du schreibst.
    Habe mich eben ein Stück weit an meine Oma erinnert gefühlt.
    Danke und mach weiter so.

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  10. Hi.
    Wir kennen uns nicht, sind uns nur begegnet, von zwei, drei E-Mails mal abgesehen. Und doch habe ich das Gefühl, da draußen ist jemand, der tickt wie ich, der das ausspricht bzw schreibt, was ich auch denke. Manchmal glaube ich, da schreibt kein Blogger oben im Norden, sondern ein Freund. Einen, den ich seit langem kenne, aber ob der Entfernung und Lebensumstände nie sehe.
    Dafür ein Danke!

    Eine Oma habe ich noch, sehe sie aber zu selten, manchmal nur alle 1-2 Jahre, sie lebt noch in Italien. Sie ist jetzt 90 und nach diesen, Deinen Zeilen sollte ich schnellstens Tickets buchen, verdammt nochmal.

    Wir haben eben nur diese begrenzte Zeit auf dem Planeten.

    Viele Grüße, auch an Oma Else oben auf der Wolke!
    Maurizio

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  11. So viele Paralellen, komisch:
    Aufgewachsen im nördlichen Ruhrgebiet, dabei familiär mit ähnlichen sch.. Zeiten,
    …dann hochgezogen in den Norden , eine Familie gegründet , die man über alles liebt und ein Mensch, den man im Westen immer noch vermisst (bei mir war`s mein Opa), weil man ihm damals so viel zu verdanken hatte. Ich habe leider erst später gemerkt, wie bedeutend mein Opa damals und für mein zukünftiges/heutiges Leben war/ist… .

    Wir teilen sogar die Liebe für die Borussia, leider nicht für die Gleiche, da ich im Westzipfel des Ruhrgebiets aufgewachsen bin; vielleicht hat unsere Liebe für den Fussball irgendwie auch mit Oma Else und Opa Franz zu tun… .

    Als mein Sohn 4 wurde, bin ich mit ihm alleine ans Rheinufer gegangen und wir haben zusammen Grüße von der Elbe bestellt… … und an Ur/Opa gedacht.
    Vielleicht haste ja mal auch Gelegenheit mit deinem Sohn der Ruhr Grüße von der Weser zu bestellen …

    … Grüße aus dem Südkreis

    Johannes

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  12. Und so bestätigt dich der Eindruck des Charakters des Autors, auf dessen Blog ich vor vielen vielen Jahren wohl eher durch Zufall (keine Ahnung mehr ob bei der Suche nach einem Tipp oder… Wahrscheinlich wars das wie alles anfing… :)) gekommen bin, ja eher gestolpert bin.
    Es ist toll diese Menschlichkeit zu spüren. Lese ich doch nahezu jeden Tag deinen Tech Blog. Es baut sich eine Bindung auf. Das hört sich jetzt vielleicht seltsam an; ich lese gerne bei dir mit und noch lieber wissend das eine tolle Persönlichkeit dahinter steckt – das glaube ich obwohl man sich noch nie getroffen hat, sagen zu können. Podcasts, unpacking/Funktions videos oder ein Blog Eintrag über die geliebte und vermisste Oma an die man gerne und nahezu täglich zurück denkt.
    Wünsche dir einen schönen Sonntag, das du ihn mit Familie und guten Freunden genießt. Grüße Michael

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  13. Nachdem ich mir jetzt die Tränen aus den Augen gewischt habe möchte ich dir Danken für diesen Einblick zu Deiner Vergangenheit.
    Mein Vater verstarb als ich knapp 2 Jahre alt war, ich durfte ihn also nie kennenlernen. Oma und Opa waren auch schon nicht mehr da. Aber ich hatte eine Mutter die alles für Ihre 3 Kinder gab was nur ging. Sie lebt noch und bin Ihr für alles Dankbar was Sie für mich und uns geleistet hat.

    Caschy, wir kennen uns zwar nicht aber ich bin dir so dankbar für Deine Arbeit im Blog denn ich täglich verfolge.

    Dir und deiner Familie alles gute.

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  14. […] Ich lebte in den ersten Jahren meines Lebens bei meiner Oma. Der Part meines Lebens, in dem ich Weihnachten als schön empfand – wie dies hoffentlich bei allen Kiddies so ist. Es folgte der Teil meines Lebens, der nicht so geil war und so habe ich über lange Jahre den freien Tagen rund um Weihnachten nichts abgewinnen können. Es war für mich eine grausame Veranstaltung, die nur dadurch besser wurde, dass ich mich mit Freunden traf, die eine ebenso zerballerte Kindheit hatten, wie es bei mir der Fall war. Ich war der Weihnachts-Hasser und es gab keine Aussicht auf Besserung. […]

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  15. Hallo Carsten,
    Deine Worte zu Weihnachten gaben mir nun den Anstoß, was mir schon so oft als Gedanken durch den Kopf schwirrte, auch einmal in Worte zu fassen und niederzuschreiben. Ich bedauere es, dass Dich noch nicht persönlich kennenlernen durfte. Du hattest mich auf meine Bitte hin bei einer Frage einmal angerufen.
    Ich möchte Dir einfach mitteilen, was ich an Dir bewundere: die Feinfühligkeit in Deinen Texten, was Du auch zwischen den Zeilen auszudrücken vermagst, dass Schwierigkeiten Dich nur noch stärker machten und dass Deine Frau und Dein Sohn sich glücklich schätzen können, dass Du für sie da bist. Einfach das Beste für Euch in der Zukunft, Ralf.

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  16. […] Du kommst zu deiner Oma und du bist ein kleiner Junge. Sorgen bleiben draußen vor der Tür. Vanillepudding mit Erdbeeren (frisch vom Nordmarkt) steht am Fenster in der kleinen Wohnung in der Braunschweiger Straße in Dortmund. Omas Pudding wird es nie mehr geben, nicht ihr Lachen, nicht ihre Liebe, die sie mir immer gezeigt hat. […]

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