Fokus durch Abstand

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Eine Woche Dänemark, eine Woche Blåvand. Mein x-ter Besuch hier. Dieses Mal mit Nichte, Schwiegereltern, Frau, Max und einem befreundetem Pärchen. Mein erster Urlaub seit zig Jahren. Mein letzter Urlaub war die Hochzeitsreise, die auch schon fünf Jahre zurück liegt. Das Blog mag ich nicht unbeackert liegen lassen. Es ist sicherlich eines der größeren Blogs mit privatem Einschlag und die Entwicklung finde ich klasse. Es steckt Herzblut drin und ich freue mich über jeden Leser, mit dem ich gut interagieren kann.

3 Millionen Seitenaufrufe hat das Blog stadt-bremerhaven.de monatlich und es ist mittlerweile mein Broterwerb. Ich arbeite wie eine kleine Zeitung und obwohl wir nur mit zweieinhalb Leuten an dem Blog arbeiten, ist es eines der größeren Techblogs in Deutschland. Kein Wunder, dass ich nicht sagen kann: „Ich bin mal eine Woche weg“. Bei allem Privaten im Blog: ich kann nicht einfach das Geschäft eine Woche absperren. Und nein, auch in Blåvand mache ich nicht nichts. Aber ich habe meine Arbeiten auf ein Minimum beschränkt, mache ab und an die Themensuche, schaue hier und da – und lasse mich auch zu etwas längeren Texten hinreissen, für die sonst die Zeit fehlt. Gut zu wissen, dass ich Freund und Mitstreiter Sascha an meiner Seite habe – und auch Pascal ist am Abend eine große Hilfe. Ohne die Jungs wäre mein Urlaub nicht möglich. Ist einfach so.

Der Abstand und das karge Dänemark macht viel aus. Man sieht Dinge fokussierter, denkt viel mehr nach. Die oft genannte Blog
osphäre mit knorken Leuten? Absoluter Bullshit, es gibt wenige Blogs in meiner Filterbubble, die sich untereinander helfen oder austauschen -zumindest aus meiner Beobachtung heraus und ich beobachte viel. Neidzerfressene Menschen, die nicht einmal die Eier haben, dir ihre Meinung ins Gesicht zu sagen. Stattdessen wird hinter vorgehaltener Hand geredet.

Blogs und Seiten, die ach so transparent sind – aber beispielsweise nicht in der Lage, ihre Quellen zu nennen. Ein Blog-Problem? Mitnichten, ein Medienproblem. Auch Verlage klauen Inhalte, nennen ihre Quellen nicht und verarschen das eine oder andere Mal die Leser mit SEO-Spirenzchen. Content – nicht, weil es der Schreiber spannend findet, sondern weil man irgendeine Scheisse ja schreiben muss. Das alles merkt man eigentlich gar nicht, wenn man jeden Tag 12 bis 14 Stunden arbeitet.

In der heutigen Zeit würde ich wahrscheinlich kein Techblog mehr machen wollen. Zumindest nicht aus monetären Gründen. Unwitzige Typen betreiben Fun-Blogs mit 99 Prozent Reddit-Inhalten. 9Gag-Abklatsch als Blog – unter dem Label Lifestyle, bei Facebook gerne geteilt, wie einst Heftig.co und Co. Sieht man als Außenstehender nicht, wohl aber, wenn man sich im Bereich rund um die Medien bewegt. Blogs ohne Herz, ohne Ahnung – der nächste Sponsor will aber trotzdem gefunden werden.

Ganz schlimm auch viele Reise-, Fashion- oder Fressblogs. Es gibt wohl kaum eine Sparte, in der sich Blogger schlechter verkaufen. Schlechter verkaufen im Sinne von: sich zur Marionette der Industrie machen lassen. Billiges Bückstück für kleines Geld. Als Leser würde ich das kalte Kotzen bekommen. Man muss viel graben, um eine Trüffel zu finden  – aber dennoch gibt es sie noch, die guten Medien.

Hört sich jetzt extrem hart an, ist aber nur meine Meinung, die in mir durch die Ruhe Dänemarks wieder hochkommt. Es gibt Sparten, in denen möchte ich nicht schreiben und es gibt Menschen, mit denen möchte ich nichts zu tun haben. Das ist nicht schlimm, das ist einfach so. Und auf der anderen Seite sitzt gerade jemand, der sich genau das Identische denkt – aber mich in die Riege der Arschlöcher stellt, ist halt so. Da kann ich nichts machen.

Ich blogge jetzt fast 10 Jahre und immer wieder kommt es vor, dass Menschen meinen, mich zu kennen. Das Problem ist oft: sie kennen mich nicht. Viele, die hier privat mitlesen, die kennen mich vielleicht. Vielleicht nicht vom Bier an der Theke, aber unter Umständen aus Gesprächen via Facebook, Twitter oder per Mail. Das mag ich. Sprechen von Angesicht zu Angesicht, wenn auch nur virtuell – ohne den Troll-Deckmantel der Anonymität. Das Internet hat mir so viele tolle Menschen geschenkt.

Jeder, der viel arbeitet, der sollte mal Urlaub machen. Ich hab das in den letzten Jahren irgendwie ein bisschen verlernt. Ich konnte nicht mehr richtig abschalten, mir über so viele Dinge nicht mehr richtig Gedanken machen. Neue Erkenntnisse habe ich nicht finden können. Ausser, dass Zeit knapp und kostbar ist. Und ich eben jene Zeit lieber mit Dingen verbringe, die mir Freude bereiten.

Weniger über Arschlöcher aufregen – normalerweise schaue ich weder links noch rechts, was andere machen, doch ab und an wird eben doch ein Arschloch in deine Twitter-, Facebook- oder Google+-Timeline getragen. Lass sie machen, soll jeder so glücklich werden, wie er will. Karma is a bitch – und jeder bekommt irgendwann die Quittung für das, was man so angestellt hat. Vom Schreiber, über den Leser bis hin zum Troll, der sich in Anonymität wiegt. Das Leben wird es schon richten, auch wenn es oft unfair ist.

Lange Rede, kurzer Sinn. Ein wenig frische Luft und Abstand sorgte dafür, dass ich wieder besser fokussieren kann. Beruflich und privat. Ich werde zukünftig weniger wichtige Dinge links liegen lassen und keine Dinge machen, die mir nicht Spaß machen. Mit Menschen sollte man es vielleicht auch so halten – wozu 10 Minuten über Menschen aufregen, mit denen man eh nichts zu tun haben will, wenn man diese Zeit besser mit schönen Dingen und lieben Menschen nutzen kann?

Fazit: der nächste Urlaub kommt bestimmt – und eine fünfjährige Pause wird nicht zwischen diesem und dem nächsten liegen.

9 Kommentare

  1. Lieber Carsten… haste toll geschrieben. Ich bin von Anfang an!!! ein treuer „Mitleser“…habe auch schon Facebook- Freundschaftsanfrage gestellt gehabt 😉 Egal… Ich will dir sagen….Mache bitte weiter so, damit die „Techwelt“ weiterhin verständlich bleibt. In diesem Sinne, geniesse die Zeit in Familie und Urlaub… Ich freue mich auf weitere schöne Storys….BLEIBE GESUND!!! LG Torsten Hnyk

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  2. Tolles Fazit…. aber wart nicht wieder 5 Jahre…. noch einen schönen Urlaub….. und glaub´s mir. Mal ein paar Tage nichts von Dir zu lesen wäre zwar schwer….

    … Aber es wäre vielleicht Dir und Deinen beiden liebsten was neues…. also so ganz ohne Netz 🙂
    und was noch wichtiger wäre… wir würden mit Spannung auf was neues warten und wären immer noch da….zumindest die, die schon ewig mitlesen, mitunter aber selten kommentieren…..

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  3. Endlich ist der Groschen gefallen. Ich haue mich nächsten Samstag in Flieger. Isas Geburtstsaggeschenk einlösen. Abstand ist das Beste, was einem passieren kann. Isso.
    Weißt ja, bei uns steht die Tür immer offen. Jederzeit, ob Niedersachsen oder Rheinland.

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  4. So lange lese ich jetzt noch nicht bei dir mit. Und als Palle mit der Tech lounge angefangen hat, dachte ich einst: „Wer ist denn die Bulette neben Palle? Noch so ein Fußball Honk, den die Welt nicht braucht.“
    Tja … das war mal. Heute lese ich gerne deine Zeilen, auch wenn ich dich immer noch nicht wirklich kenne. Und mit Fußball hab ich immer noch nichts am Hut. Zu viele Millionäre. Isso. …

    Das Leben ist zu kurz. Genieße es!
    Und … danke!

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  5. Der Carsten hat mal wieder gesprochen. Und Recht hat er. 🙂 Hab ne schöne Zeit und tu dir mal ein bißchen Ruhe rein! Helau! 😉

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  6. Wichtig ist, wie bei allen Vorsätzen, sich auch im Alltag regelmäßig mal wieder etwas Abstand zu gönnen, um genau dieses gefühl, diese Erkenntnis wieder zu gewinnen. Sonst kommt man schnell wieder ins Hamsterrad – und schwups sind 5 Jahre vorbei.

    Ich habe ja schon immer auch und am liebsten Deine privaten Blogs gelesen, damals bei Posterous. Und natürlich auch das von Nadine. Wenn ich auf eine „virtuelle Insel“ reise (was ich von Zeit zu Zeit auch mal mache), sind sicherlich fast nur private Blogs in meinem Feedreader – und stadt-bremerhaven.de, um nicht völlig auf Tech-Turkey zu kommen. 😉

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  7. Sehr faszinierend das einem mit dem Alter eben auch klar wird wieviel Zeit man verschwendet. Mit ist es im beruflichen gerade immens aufgefallen und auch das es einem das Leben vergiftet.
    Abschalten ist gut und wichtig. Genieß es.

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